Ein Champion kehrt zurück

Kleinwagen aus LU: ein vergessenes Kapitel Stadtgeschichte

Die Geschichte des Champions beginnt mit dem Volkswagen, denn der Käfer ist zu Beginn der 1950er Jahre noch längst kein Auto für alle. Arbeiter und Angestellte sind mit dem Fahrrad unterwegs, fahren Motorroller oder Moped. Das Auto ist damals noch ein Fortbewegungsmittel für Gutverdiener. Zahlreiche Hersteller von Klein- und Kleinstwagen wollen das ändern, die meisten scheitern an ihrer Unterfinanzierung. Auch die Rheinische Automobilfabrik in der Ludwigshafener Industriestraße 35 gehört dazu.

Zwischen den vielen Behelfsautos und Kabinenrollern der Wirtschaftswunder-Jahre erscheint der Champion wie ein kleiner Traumwagen. Tatsächlich ist er für damalige Begriffe kein billiges Auto, er kostet 4300 D-Mark. Im Unterhalt ist er jedoch günstiger als ein VW Käfer. Das ist die kleine, feine Marktlücke, die seine Erbauer auf den Durchbruch hoffen lässt. Ebenso wie die Stadt Ludwigshafen am Rhein, die das junge Unternehmen mit einer Kreditbürgschaft in Höhe von 300.000 D-Mark unterstützt.

Zu den Nachteilen des Champion 400 gehört sein eingeschränktes Platzangebot. Für Familien, Händler und Handwerker ist die kleine Cabrio-Limousine nicht geeignet. Deshalb erscheint im Oktober 1953 der Champion 500 G. Das G steht für „Großraum-Fahrzeug“, denn der Kombi bietet vier Sitzplätze, eine umklappbare Rückbank und einen Kofferraum. Der hintere Teil seiner Karosserie besteht aus Holz, womit der Champion an amerikanische Station Wagons erinnert. Die Bauweise spart dem kleinen Hersteller viel Geld, weil er für sein neues Modell keine teuren Stahlblech-Pressteile braucht.

Nur 20 Exemplare des kleinen Kombis werden in Ludwigshafen gebaut, schon im Herbst 1954 endet die Geschichte der Rheinischen Automobilfabrik. Dass sich der Champion nicht durchsetzen kann, liegt auch am VW Käfer, dessen Preis damals fast jährlich sinkt. Auch der Lloyd 400 aus dem Borgward-Konzern macht dem Champion aus der Pfalz das Leben schwer. Und so bleibt der Automobilbau eine Fußnote der Ludwigshafener Industriegeschichte.

In Ludwigshafen ist anscheinend kein Champion erhalten geblieben. Zumindest keiner, von dem die Öffentlichkeit weiß. Doch in Berlin taucht Anfang 2023 ein Champion 500 G mit abenteuerlicher Geschichte auf.

Die Rheinische Automobilfabrik exportiert den kleinen Kombi 1954 nach Neuseeland. Dort steht er lange unverkauft herum, weil ihn der insolvente Hersteller nicht mehr zurückholen kann. Irgendwann in den Nullerjahren spürt ihn ein deutscher Kleinwagen-Sammler auf, in dessen Nachlass findet ihn der Berliner Oldtimer-Händler Burkhard Steins. Er lässt den Champion zu Ende restaurieren und fahrbereit machen. Auf einer Oldtimer-Messe in Bremen entdeckt ihn der Motorjournalist Christian Steiger, der lange in Ludwigshafen gelebt hat. Mit Hilfe der lokalen Oldtimer-Enthusiasten Mathias Berkel und Christian Wahl kehrt der Champion nach Ludwigshafen zurück. Der Kommunalpolitiker Raik Dreher unterstützt das Projekt mit einer Spende. Eigentlich müsste dieses Ausstellungsstück in Ludwigshafen bleiben, darüber sind sich alle einig. Am besten im neuen Stadtmuseum. Gesucht werden Sponsoren, die das möglich machen.

Technische Daten

Motor: Zweizylinder-Zweitaktmotor im Heck (Hersteller Heinkel), ein Solex-Flachstromvergaser

Hubraum: 452 cm3

Leistung: 19 PS bei 4000/min

Maximales Drehmoment: 36 Nm bei 3000/min

Kraftübertragung: unsynchronisiertes Dreigang-Schaltgetriebe, Hinterradantrieb

Fahrwerk: Zentralrohrrahmen, vorne Doppelquerlenker, hinten Pendelachse, v./h. Gummi-Torsionsfedern, Zahnstangen-Lenkung, hydraulische Trommelbremsen

Aufbau: Dreitürige Karosserie aus Stahlblech und Holz, vier Sitzplätze

Länge/Breite/Höhe: 3400/1500/1350 mm

Leergewicht: 570 kg

Zuladung: 350 kg

Tankinhalt: 24 Liter

Höchstgeschwindigkeit: 80 km/h

Verbrauch: ca. 5 Liter Gemisch/100 km

Neupreis (1954): 4550 D-Mark